EUnbrauchbar - Gedanken zur "Digitalpolitik" der Europäischen Union, Teil 2

Willkommen zum zweiten Teil dieser Artikelreihe. Im ersten Teil habe ich dargelegt, wie Europa in meinen Augen dabei versagt, ein wirksames Gegengewicht zu den großen US-Internetkonzernen auf die Beine zu stellen, und wie europäische IT-Projekte immer wieder zu ergonomischen Rohrkrepierern werden, da man Experimenten generell eher abgeneigt ist.

Das bringt mich gleich zum nächsten Punkt, und dieser hat tatsächlich etwas mit der Herkunft der großen Internetgiganten zu tun. In den 1960ern und 1970ern kamen am südlichen Ende der Bucht von San Francisco, um die Stadt San Jose, eine ganze Reihe von wichtigen Faktoren zusammen. Das kalifornische Schulsystem war lange Jahre eines der besten der USA, Berkeley und CalTech, zwei der besten Hochschulen der USA waren ganz in der Nähe, und Forschungseinrichtungen wie das Ames Research Center der NASA, oder das Jet Propulsion Laboratory taten ihr übriges, um ein hohes Bildungsniveau in der Region zu gewährleisten. Gleichzeitig gilt die Westküste der USA, gerade Kalifornien, als eher entspannt, laid back, etwas, was ich nach Gesprächen mit Menschen aus dieser Region persönlich bestätigen kann. Selbst bei Apple in Cork war lange Zeit noch etwas davon zu spüren. Wenn man dies jetzt mit der Experimentierfreudigkeit der Hippie-Bewegung kombiniert, dann merkt man schnell, warum die Gegend um Palo Alto, Mountain View, Cupertino und ähnliche Orte ein idealer Schmelztigel zum experimentieren mit neuen Technologien wurde. Dabei galt ein Scheitern einer Idee nicht unbedingt gleich als ein Armutszeugnis für die Person dahinter, Fehlschläge wurden, und werden auch heute noch, in Kauf genommen.
Dies galt insbesondere auch im Bezug auf die Kapitalgeber. Ab den 1960er Jahren hatte sich, Hand in Hand mit der aufkommenden Computerindustrie, eine neue Art von Geldgeber im Silicon Valley entwickelt. Die Rede ist natürlich von Venture-Capital-Firmen, speziellen Investmentfirmen, die sich darauf spezialisiert haben, vielversprechende Startups beim Sprung von der Garage an die Wall Street zu unterstützen. Bereits Fairchild Semiconductor, ein Pionier auf dem Bereich der Halbleiterfertigung, und die Keimzelle des späteren Silicon Valley, konnte auf diese Finanzierungsoption zurückgreifen. Praktisch alle Giganten der heutigen Branche, Apple, Microsoft, Cisco, oder Intel, konnten auf eine etablierte Venture-Capital-Basis zurückgreifen, auf Unternehmen, die bereit waren, beträchtliche Finanzmittel in kleine Startups zu investieren, die zwar ein interessantes Produkt, aber nicht viel mehr zu bieten hatten, und beträchtliche Gewinne einzustreichen, wenn diese an die Börse gingen, oder aufgekauft wurden. 
Es sind diese Kernfaktoren, ein leistungsfähiges Bildungssystem, eine Kultur die Experimente und Fehlschläge nicht stigmatisiert, und es somit ermöglicht, eine Geschäftsidee oder Technologie zu verfeinern und zu perfektionieren, sowie die Verfügbarkeit von Kapital für Unternehmen in der Startup-Phase, die das Silicon Valley, und die Unternehmen dort zu dem Innovationszentrum gemacht haben, dass es heute ist. 
Und genau hier muss Europa ansetzen, wenn man im IT-Bereich noch irgendwie Fuß fassen will. Es reicht nicht aus, einfach einen digitalen Binnenmarkt auszurufen, obwohl dieser durchaus ein wichtiger Schritt ist. Vielmehr bedarf es eines Kulturwandels in Europa, insbesondere in den “klassischen” Kernländern der EU, Deutschland, Frankreich, Österreich, Belgien, und Italien, die über starke “klassische” Industrien verfügen, und daher immer noch in Denkmustern aus dem 20. Jahrhundert festhängen. Es spricht Bände, dass die meisten der wenigen erfolgreichen europäischen Startups der letzten 10 Jahre aus Ländern an der Peripherie Europas stammen. Skype, jener Videotelefoniedienst, der aus der modernen Welt nicht mehr wegzudenken ist, stammt ursprünglich aus dem Baltikum, stripe.com, ein Pionier im Bereich der Online-Zahlungsabwicklung wurde in Dublin gegründet, während diverse US-Startups wie Eventbrite oder slack.com Irland als Standort für ihre Europazentralen auswählen, obwohl die Infrastruktur dort deutlich hinter der in Frankreich oder Deutschland zurück bleibt. 

Im nächsten Teil der Serie werde ich mir die Bedingungen für Startups, gerade im IT-Bereich, vornehmen, da liegt nämlich auch einiges im argen.

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